Als unsere germanischen Vorfahren noch lebten, gab es – wie heute – Schulen, in denen Mädchen erzogen und für irgendeine hohe Aufgabe vorbereitet wurden.
Das waren die Schulen der sogenannten Maidenschaften. Man unterschied bei diesen 4 Arten der Ausbildung: die Hexa, die Drude, die Wala und die Albrune.
Mit der ersteren wollen wir uns einmal beschäftigen, denn heute, wo soviel von der Hexe geredet wird, interessiert es gewiß viele, zu erfahren, wer eigentlich in Wirklichkeit jene Hexen waren.
Um in eine Maidenschaft aufgenommen zu werden, mußte sich jedes zuerst einer eingehenden Prüfung unterziehen. Es war strengste Bedingung und Voraussetzung zur Aufnahme, daß das Mädchen, ebenso wie seine ganze Sippe, r****rein und unbescholten war. Die Zugehörigkeit zu einer Maidenschaft war demnach immer ein Beweis wertvoller Auslese unter den Frauen des Landes.
In der Schule der Hexas erlernten die jungen Mädchen zunächst Natur- und Heilkunde. Es wurden ihnen die verschiedenen Pflanzen in Wiese und, Wald und Feld gezeigt, deren Wirkung auf den Menschen, hier im besonderen auf das Tier (die menschliche Heilkunde auszuführen war Aufgabe der Drude) und das Zubereiten der verschiedenen Kräuter zu Heilgetränken und Salben. So konnten sie später dem Bauern wertvolle Dienste leisten, sein Vieh gesund und kräftig und Seuchen fern zu halten.
Eine besonders wichtige Aufgabe aber kam den Hexas zu als Hüterinnen des Feuers. Daher ihr Name „Hagedise“ (Hexe), d. h. Diejenige die etwas hegt, hütet (Hag und hegen sagen noch von der Bedeutung). Auf Höhen, weit sichtbar im Land, hatten sie ihre Wohnsitze. Man vermutet, daß die vielen Lusen oder Klus, z.B. die Klus bei Goslar, die wir überall in Deutschland finden, solche Feuerstätten einer Hexa waren.
Bei den großen Jahreslauf-Festen entzündeten dort die Hexen das Feuer, beim Fest der Frühlingsgleiche, bei Sommer- und Wintersonnwende, in der Tag- und Nachtgleiche zur Winterszeit. Aber auch dann, wenn die Männer und Führer zum Thing gerufen wurden oder wenn Kriegsgefahr drohte und Rat gehalten werden sollte, loderten überall im Lande die Feuer der Hexen auf. Sie waren die Wächterinnen des Stammes.
Eines der schönsten Feste war das Fest der Frühlingsgleiche. Die Hagedise, so erzählt man, habe den Zeitpunkt daran erkannt, daß in dieser Nacht die Mondsichel senkrecht unter der Venus steht. Dies wundervolle Bild des Frühlingshimmels wurde auch zum Symbol der Frühlingsgleiche und wird heute noch im bäuerlichen Handwerk als sinnbildliche Aufschmückung verwendet. Es ist eines der schönsten Sternbilder des Jahres.
Zu dieser Zeit kam dann das Volk, durch das Feuer der Hexa gerufen, auf den großen Kultplätzen zusammen. Es wurden Kampfspiele veranstaltet, Jugendweihen fanden statt und noch vielerlei andere Kultspiele, die uns zum großen Teil erhalten sind, meist in die Pfingst- oder Osterbräuche übernommen.
An diesem Tage wurden auch die Herdfeuer in den Häusern gelöscht, die sonst das ganze Jahr (außer in der Tag- und Nachtgleiche, in der sie ebenfalls gelöscht und neu entzündet wurden) nicht ausgehen durften. Taten sie es dennoch einmal, so mußte die Hexa sie selbst wieder entfachen. Am großen Kultfeuer wurde beim Fest der Frühlingsgleiche der Span entzündet für das neue Herdfeuer des Hauses. Oft trug auch die Hexa in jedes Haus Glut vom Volksfeuer, damit die Herdflamme wiederum anfachend.
Dem scheußlichen und künstlich eingepflanzten Aberglauben über die Hexen nachgehend, konnte ich eines Tages eine seltsame Entdeckung machen. Es war in meiner Heimat am Bodensee. Wir waren auf einer Wanderung zu den „Freundschaftshöhlen“, alten Maidenhöhlen, die hoch oben an einem Steilabhang in weißem Sandstein eingehauen sind. Sie liegen ganz in der Nähe des „Heiligen Berges“ und der „Sieben Linden“, einem uralten Richtplatz. Diese Namen, ebenso wie die des nahe gelegenen Oesterholzes und Königswaldes sagen uns schon von der Bedeutung dieser Stätten in vergangenen Zeiten.
Auf einem schmalen Weg am Abhang hinauf gelangten wir zu den „Freundschaftshöhlen“. Wie groß war unser Erstaunen, dort eine Reihe wundervoll ausgehauener Wohnhöhlen zu finden, Reste von Säulen und Bogen der Decken, die an früh-romanische Bauten erinnern, Reste von Sitzen und Bänken seitlich an den Wänden der Höhlen entlang. Auch eine Herstelle ist dort, die Wand dahinter rauchgeschwärzt. Ein Betasten mit dem Finger zeigt uns, daß der Ruß Jahrhunderte alt sein muß, er ist verwachsen mit dem Sandstein und nicht zu lösen. Die seltsamste Entdeckung machten wir aber in einer der größten und schönsten Höhlen. Als unsere Blicke an der Decke entlang wandern, finden wir einen Breiten, schrägen Kamin, kein Abzugsrohr einer Feuerstelle, nein, einen gut ausgehauenen, hellen Gang (ohne jegliche Rauchstelle), der oben auf der Höhe des Bergplateaus endet. Nur ein Wort fiel in das Schweigen unseres Staunens: Dort oben muß eine Kultstätte sein. Wir suchen, sehen aber keinen sonstigen Zugang zur Höhe. Hastig gehen wir den Weg, den wir gekommen sind, alle wohl schon in dem selben Gedanken, etwas ganz eigenes zu finden. Unten entdecken wir dann einen Weg hinauf und sind nach einiger Zeit oben, kurz oberhalb der Höhlen angelangt. Und wirklich, dort war eine Kultstätte. Alle Anzeichen der Anlage sprechen dafür. Einsamkeit und völlige Stille walteten auf dem verlassenen Platze. Da auf dem freien Platz war gewiß einmal das Feuer entzündet worden, und die große Anlage ringsum deutete zweifellos die ehemalige Kampfbahn an. Eine weile waren wir alle ganz verstummt. Nun wußten wir, wozu der schräge Kamin gedient hatte. Er war der Aufgang zu dieser Kultstätte. Mittels eines in den Kamin gelegten Steigbaumes konnte man bequem hinaufgelangen. Etwas anderes aber war es, was uns hierbei so gefangen nahm und uns wie gebannt hielt. Wir erkannten mit einem Male, warum im Volke, verdreht und verkannt, die Sage geht, die Hexe reite auf einem Besen zum Schornstein hinaus!! Nun war dies erklärlich. Die Hexa mußte ja, um zur Kultstätte (auch der Brocken! War eine solche) zu gelangen, durch den Kamin steigen. Daß sie einen Besen mitführte, ist auch nicht verwunderlich, da sie ihn brauchte, um die glühende Asche und das Reisig des großen Feuers zusammenzuhalten.
Vielleicht wird mancher, der heute auf den Spuren der Vorfahren durchs Land wandert, ähnliche Stätten entdecken, und von ihnen erzählen, um den Namen der Hagedisen wieder reinwaschen zu helfen von dem Schmutz, mit dem ihn fremde Machthaber bewarfen.
Diese Hexen, Schülerinnen der hohen Maidenschaften, waren allerdings nicht willens, ohne weiteres einen ihnen fremden Glauben, der ihnen plötzlich aufgezwungen werden sollte, anzunehmen. Hüterinnen und Bewahrerinnen uralt überlieferten Wissens der Ahnen, sahen sie in der neuen Religion nicht den leisesten Ersatz für das ihnen wertvolle Gut und wehrten sich gegen den fremden Zwang ebenso wie ihre Männer und Söhne. Daß *****reinheit die Grundbedingung für den Wert eines Volkes darstellt, war ihnen aus dem Blut kommende Selbstverständlichkeit. So waren ihre Kinder, denn auch die Männer der Angehörigen einer Maidenschaft mußten eine ****ische und geistige Auslese sein, von Natur aus ein lebendiges, unbequemes und gefürchtetes Bollwerk gegen das Eindringen kirchlicher Religionsthesen.
Allmählich wuchs der Haß der Kirche gegen diese wertvollen Frauen, denen sie nicht beikommen konnten und ihre unüberwindliche Abneigung gegen die stolzen Söhne all dieser *****reinen Stämme, die nicht zu bewegen waren, den fremden Glauben anzunehmen. Der Ausfluß dieses Hasses, der aus bodenlosem Unvermögen und Ohnmacht entsprang, war, sich menschliche Werkzeuge zu dingen, die tausende von Edlen dieser Stämme nun meuchlings hinschlachteten. Zu diesen Schlächtern gehört Karl der Franke und sein Onkel Karlemann.
Der Haß gipfelte aber in dem „Rufmord“ germanischer Frauen, man mordete tatsächlich ihren Ruf, um sie dann auch körperlich ermorden zu können. Dem Begriff Hexa drückte man einen teuflichen Stempel auf, für dessen Verbreitung die Diener des neuen Glaubens ausgiebig sorgten, man umgab das selbstverständliche Verstehen der Heilkunst, die diese Frauen ja erlernt oder von ihren Müttern gelernt hatten, mit dem Makel ekelhafter Zeuberei und der Hurerei mit dem Teufel. Die Wirkung war auch da: Alles, was den Namen Hexe trug, war dem Volk bald verabscheuungswürdig und unheimlich, und es half oft in Unkenntnis der wirklichen Zusammenhänge, die Scheiterhaufen zu entzünden. Tausende und abertausende von Scheiterhaufen flammten durch die Jahrhunderte auf, auf denen tausende von germanischen Frauen nach schändlichsten und ungeheuerlichsten Foltern verbrannt wurden. Hunderte von Urkunden künden heute noch von diesen Hexenprozessen unter der Fahne christlicher Nächstenliebe.
Wundert es die Kirche, wenn junge Menschen heute, denen die Augen geöffnet wurden, an der Heiligkeit und Größe der Kirche zu zweifeln beginnen, wenn sie sich voll Abscheu von den Dienern solcher dem dunkelsten Fetischismus ähnlichen Teufelslehren abwenden?
Der Wille zur Wahrheit ist in den jungen Menschen geweckt. Die Jugend wird mit aller Leidenschaftlichkeit, deren sie fähig ist, suchen und wird nicht eher ruhen, bis sie gefunden hat, was sie sucht. Und das Ergebnis wird für die Kirche wohl ein Brocken sein, den sie nicht mehr schlucken kann trotz aller Beweglichkeit und Dehnbarkeit ihres Rachens!
Gabriele Dechend
